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Grundlagenwissen: Motorisches Lernen

Egal ob Sie durch herbstliche Wälder spazieren, sich beim Hanteltraining austoben oder gemütlich Zuhause ein Buch lesen... immer kommen automatisierte Bewegungsabläufe zum Einsatz. Automatisiert deshalb, weil sich wahrscheinlich niemand Gedanken macht, wenn er einen Fuß vor den anderen setzt oder die Buchseiten umblättert. Müsste man sich jede Bewegung, die man ausführt, bis ins Detail vorstellen und bewusst ausführen, wären keine komplexen Bewegungsabläufe möglich. Doch eines ist klar: Alle motorischen Bewegungen müssen - wenn sie das erste Mal ausgeführt werden - erst erlernt, stabilisiert und automatisiert werden. 

 

Der Ursprung der Bewegung liegt im ZNS

Doch wie genau entsteht Bewegung eigentlich? Der Ursprung dafür liegt im Zentralen Nervensystem (ZNS), denn Bewegung entsteht immer zuerst im Gehirn!

 

Der Ablauf des motorischen Lernens wird in drei Phasen (Dreiphasenmodell nach Schnabel u. Meinel) unterteilt:

 

  1. Phase der Grobkoordination
  2. Phase der Feinkoordination
  3. Phase der Feinstkoordination/Stabilisierung und variable Verfügbarkeit

Diese drei Phasen bauen aufeinander auf, sind nicht umkehrbar und gehen fließend ineinander über. 

 

Während der Phase der Grobkoordination erfolgt im ersten Schritt die Vorstellung der Bewegung. Das bedeutet, dass zumindest eine ungefähre, optische Vorstellung von der Bewegung exisitieren muss. Die Ausführung der Bewegung erfolgt dann unmittelbar im Anschluss an das Vorstellen der Bewegung. In dieser Phase des motorischen Lernens ist es noch nicht möglich, die Bewegung zu korrigieren oder anzupassen. Es geht nur um das reine Ausführen der Bewegung. Folglich kann es hier noch zu verschiedenen Fehlern kommen: Bewegungen werden beispielsweise mit dem falschen Krafteinsatz oder zu geringer Präzision ausgeführt. Auch neigen viele Menschen beim Neuerlernen von Bewegungen zum Verkrampfen oder die verschiedenen Phasen der Bewegung lassen sich noch nicht reibungslos aufeinander abstimmen.

 

Besonders wichtig in dieser Phase des motorischen Lernens:

  • Beachtung des motorischen Ausgangsniveaus
  • Präzise Stellung der Lernaufgabe (verbal und durch Demonstration)
  • Nach möglichst wenigen Versuchen sollten erste gelungene Ergebnisse möglich sein
  • Schaffung möglichst einfacher Bedingungen, sowie anbieten von Hilfestellungen
  • Korrekturen sollten so sparsam wie möglich und so effektiv wie nötig erfolgen

 

 

Die darauf folgende Phase der Feinkoordination bezeichnet den Lernverlauf von der Grobkoordination bis zur annähernd fehlerfreien Ausführung der Bewegung. Es kommt zu einer kontinuierlichen Verbesserung sowie unter Umständen auch zu einer Stagnation. 

In dieser 2. Phase wird der Bewegungsablauf durch häufiges Wiederholen und Üben im Kleinhirn als Automatismus abgespeichert. Es entstehen zudem gewissermaßen "Bewegungsschablonen", die dem Soll- und Ist-Vergleich dienen. Weicht der Soll-Zustand vom Ist-Zustand ab, sind jetzt auch Korrekturen während des Bewegungsablaufes möglich. Das funktioniert, da die Bewegung in dieser Phase des motorischen Lernens nicht mehr bewusst, sondern subkortikal (= unabhängig von der Großhirnrinde) stattfindet. 

Die Bewegungen werden in dieser Phase meist fehlerfrei ausgeführt, es sei denn es herrschen erschwerte oder ungewohnte Bedingungen. 

 

Die letzte Phase der Feinstkoordination dient der Stabilisierung der erlernten Bewegung. Die Bewegung ist jetzt auf einem Niveau angelangt, in der auch schwierige oder ungewohnte Umstände keinen Einfluss mehr auf die korrekte Ausführung haben. Die Bewegung findet statt, ohne dass dieser noch Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Dennoch sollte auch in diesem Stadium der Bewegungsablauf immer weiter geübt werden, allerdings unter diesen Voraussetzungen:

  • Variierende Bedingungen und Anforderungen
  • Bewusste Fehlerkorrektur mit Zusatzinformationen
  • Üben auch unter physischem und psychischem Belastungsdruck
  • Ideomotorisches (=mentales) Training: Das Training basiert auf der Vorstellung von Bewegungen. Es findet also nur im Kopf - also in der Vorstellung statt. 

Die Ziele des ideomotorischen Trainings: Beschleunigung des Lernprozesses, Festigung und längerfristige Bewahrung von Bewegungen, Präzisierung durch wiederholtes Durchdenken und Erleben der Bewegung, Behebung von Schwachstellen und Fehlerquellen. 

 

Der Erste, der erkannte, dass die bloße Vorstellung einer Bewegung zu minimalen Muskelimpulsen führt, war übrigens William Carpenter (1813-1885). Nach ihm ist auch der Carpenter-Effekt benannt. Ein ganz einfaches Experiment belegt die Wirkung des Carpenter-Effekts. Dazu einfach aus einer Schnur und einem Gegenstand (z.B. ein Schlüssel) ein Pendel basteln. Das Pendel zuerst gerade und in Ruhe hängen lassen. Dann braucht man sich nur noch eine Bewegung vorstellen, z.B. dass das Pendel von links nach rechts schwingen soll. Und genau das passiert dann auch nach kurzer Zeit - wer's nicht glaubt, einfach mal selbst ausprobieren!

 

 

 

 

 

 

 

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20.05.2017

„Leben, so wie ich es will.“